| |
|
|
|
|
|
Werke -
Erläuterungen |
|
|
|
|
|
Lamento²
Das Lamento² für Sopran und Violine (Lamento I für Orgel solo) beginnt mit einer kurzen Einleitung durch
die Violine, in der dem Zuhörer schon zu Beginn der klagende und resignative Charakter des gesamten
Stückes offeriert wird.
In den ersten Takten des Soprans, werden, mit der dreimaligen Anrufung des Herrn, die ersten Textteile des Klage-Psalms 88
intoniert. Allein dieser Teil fordert vom Sopran den gesamten weiten Ambitus des Stückes, beginnend mit dem tiefen
as°, endend mit dem b“, also über zwei Oktaven.
Der Geigen-Part ist mehr betrachtend als begleitend angelegt und nicht weniger virtuos. Intervallik und Melodik sind in
beiden Stimmen instrumental angelegt und fordert daher vom Sopran eine Meisterschaft an Treffsicherheit und Ausdruck.
Trotz der technischen Schwierigkeiten sind Text und Melodie so aneinander angepaßt, daß das
Stimmungsbild nie abstrakt, sondern direkt, immer aus einem tiefen Schmerz heraus, wiedergegeben wird. Somit wird, durch Homogenität und subtiler
Stimmführung aus dem „Klage-Duett“ ein großes einheitliches Lamento.
zurück
|
|
|
|
|
|
... dem schweigenden Antlitz der Nacht.
Dem Neuen Kammerchor Regensburg gewidmet
Klage
Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldenes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
(Georg Trakl)
Tod und Verfall sind im Werk des 1882 in Salzburg geborenen Georg Trakl zentrale Themen; Herbst und Nacht bilden die
Leitmotive seiner Lyrik. Auch im Gedicht „Klage“, welches meinem Stück zugrunde liegt und die Schlußzeile des Textes zum
Titel hat, kämpft Trakl mit schweren Depressionen und schierer Ausweglosigkeit aus dem großen Lebensrad, das sich
unaufhörlich und ohne Rücksicht weiter dreht: „[...] Des Menschen goldenes Bildnis / Verschlänge die eisige Woge / Der
Ewigkeit. [...]“. Trakl beschreibt die Welt als einen kalten und kriegerischen Ort, aus dem es nur eine endgültige
Fluchtmöglichkeit gibt. Und somit wählte er 1914 – zu Beginn des Ersten Weltkrieges – zerbrochen am Leiden seiner Zeit, im
Lazarett von Krakau den Freitod durch eine Überdosis Kokain.
Ähnlich der Beziehung, die Trakl zur Welt hatte, wählte ich für mein Stück eine Besetzung, die im ersten Moment nicht recht
kompatibel scheint: Kammerchor und Schlagwerk. In dieser, recht selten auffindbaren Kombination muß sich - notgedrungen - ein
Part anpassen, und da sich Percussionsinstrumente eher schwer in einen "üblichen" Chorklang einfügen können, müssen sich die
Stimmen ihrerseits bequemen, sich den Schlaginstrumenten "unterzuordnen".
Zu Beginn des Stückes ist der Chor nur durch Zischlaute und Konsonanten zu vernehmen, als bilde er quasi eine zweite
Percussionsgruppe. Selten nur hört man die Stimmen in „üblicher“ Weise singend.
Erst zum Schluß hin versucht der Chor, dem schlagwerkenden Gegenpart „chorartige“ Klänge entgegenzuhalten: „[...] Schwester
stürmischer Schwermut [...]“. In größter Bedrängnis ruft der Klagende (zum ersten und letzten Mal) in persönlichster Art nach
seinen Lieben, um dann, am Ende des Stückes wieder gänzlich zu zerbrechen, aufgelöst im „[...] schweigenden Antlitz der
Nacht."
zurück
|
|
|
|
|
|
... namenlos - Am Ende einer Welt
Was das bedeuten kann, hat die Menschheit im schwärzesten Kapitel ihrer jüngsten Geschichte miterleben müssen. Die Herrscher des Dritten Reiches nahmen ihren Gefangenen
- vornehmlich den Juden - alles, was sie hatten. Zuletzt auch das wichtigste Identifikationsmittel, welches jede Person, zu Beginn seines Lebens, persönlich macht: den Namen. Die Opfer des NS-Regimes wissen was es heißt, nur eine Nummer zu sein, namenlos zu sein.
Ein weiteres dunkles Kapitel, wahrscheinlich das schwärzeste und mit Sicherheit das letzte, welches die Menschheit erfahren wird, ist wohl das Ende derselben. Das Ende allen Lebens. Was gilt das Leben am Ende der Menschheit? Was wird wichtig sein, wenn alles Leben sich zersetzt? Was wird sein...?
Der amerikanische Autor und „Pulitzer-Preisträger“ Cormac McCarthy versucht in seinem Roman „The Road“ („Die Straße“) diese Fragen nicht direkt zu beantworten. Mehr noch. Er läßt die Fragen vom Leser stellen und zugleich beantworten, also in jener Manier, die schon dem Weisen Nathan zueigen war: Erkenntnis nicht durch Belehrung, sondern durch Selbsterkenntnis. Seine Vision beginnt mit einer großen Katastrophe, die selbst unbenannt bleibt. Die Protagonisten in seinem Buch werden namentlich nicht genannt und das Ende bleibt völlig offen. Und dennoch: der Mensch des 21. Jahrhunderts wird beim Lesen dieses Meisterwerkes vieles wiedererkennen, ja, wird sich selbst wiedererkennen. Er wird die vielen trostlosen Situationen, in denen Mensch gegen Mensch kämpft, benennen können, hat er doch bis heute nur wenig aus seinen steinzeitlichen Verhaltensformen verloren. McCarthy beschreibt die Welt nach der Apokalypse. Zukunftsmusik? Nein! „Die Straße“ kann übermorgen beginnen!
Um deutlich zu machen, worum es mir in meiner ersten Kammeroper geht, möchte ich nur vier kurze Begriffe anführen, welche die Menschheit gestern, heute und wahrscheinlich auch morgen noch – meiner Meinung nach – definiert, und die ich aus dem großartigen Gedicht „De profundis“ von Georg Trakl meine, heraus gelesen zu haben:
Angst - Rückgriff - Dialog - Resignation
„The Road“ von Cormac McCarthy
Die Protagonisten des Buches sind ein namenloser Vater und sein Sohn. Sie durchwandern eine postapokalyptische Welt. Vor ungefähr 10 Jahren, kurz vor der Geburt des Jungen, traf eine gewaltige Katastrophe die Welt. Wir erfahren nicht, was passiert ist, können jedoch
vermuten, daß ein Asteroid gewaltigen Ausmaßes die Erde traf. Der Himmel ist verdunkelt, und es ist bitterkalt. Die meisten Tiere und Pflanzen sind ausgestorben. Jene Menschen, welche die Katastrophe überlebt haben, durchstreifen das Land, um Nahrungsmittel zu finden. Ein großer Teil von ihnen schreckt vor Kannibalismus nicht zurück und begibt sich auf eine regelrechte Menschenjagd.
Der Vater weiß, daß sie aufgrund der Kälte einen weiteren Winter nicht überleben werden. Deshalb machen sie sich auf den Weg nach Süden, einem alten Highway folgend, in der Hoffnung eine bessere Zukunft dort zu finden. Der Mann besitzt einen Revolver mit zwei Kugeln, ihr einziges Mittel, um sich vor den Kannibalen zu schützen. Auf ihrer Reise werden sie Zeugen vieler Gräueltaten: Sie finden ein Haus, in dem Menschen als Beute eingesperrt sind. Sie überraschen einige Kannibalen beim Verzehr eines Kleinkindes. Der Mann gibt jedoch trotz aller Widrigkeiten seine Hoffnung nicht auf und schreitet mit seinem Sohn voran.
Endlich erreichen sie ihr Ziel, finden jedoch nicht was sie sich erhofft hatten. Der Vater stirbt und lässt seinen Sohn zurück. In dieser aussichtslosen Lage erscheint ein Mann, der den Jungen adoptiert. Dieser Mensch gehört zu den „Guten“, wie sich Vater und Sohn immer bezeichneten.
I. Szene
NACHT
Die Natur tobt und bebt. Der kleine Junge ist völlig verschüchtert. Der Vater versucht ihn – wiedereinmal – zu trösten; doch die Welt ist aus den Angeln geworfen worden und jede Tröstung scheint zwecklos. Der Tod ist den Lebendigen nahe und bleckt der verwüsteten Erde seine aschige Zunge entgegen.
Eine weibliche Gestalt betritt die Bühne. Zart und verklärt verzaubert Sie mit ihrem melancholischen Gesang die Nacht. Bis zur Dämmerung hält sie Wache am Ruheplatz der beiden Schlafenden und geleitet sie, gleich einem mütterlichen Engel, durch das Land der Alpträume. „Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.“ Ein Beben sucht die Erde heim.
II. Szene
SCHATTEN
Resignation macht sich im Kopf des Vaters breit. Aus der Ferne erzählt Melancholia von Tod und Sinnlosigkeit und möchte den zaudernden Vater für sich gewinnen. Er flüchtet vor seinen eigenen Gedanken.
Ein Bildschirm erscheint. Rückblende. Man sieht einen Mann und eine Frau. Sie treten in Dialog – reden aber doch nur aneinander vorbei. Nachdem sie sich (endgültig) voneinander verabschiedet haben, tritt der Mann auf die Bühne und erzählt, was mit seiner Frau passiert ist. „Bei der Heimkehr fanden die Hirten den süßen Leib verwest im Dornbusch.“ Er bricht, von Tränen geschüttelt, zusammen.
Vater und Sohn unterhalten sich über die gestrige Nacht. Der Sohn hatte einen Alptraum. Unvermittelt tritt ein Greis auf die Bühne. Auch er gebrandmarkt vom Kuß des Schicksals. Wer wohl dieser Mensch ist? Er verkörpert, im falsettierenden Tenor singend, den gefallenen Gottessohn. „Es gibt keinen Gott und wir sind seine Propheten.“
III. Szene
RETROSPEKTIVE (Sinfonia IV)
Was ist geschehen? Musikalisch und szenisch wird erzählt was vergangen ist und was nie wieder zurückgeholt werden kann.
IV. Szene
ZERFALL (Epilog)
Der kranke Vater liegt sterbend auf der harten Erde. Sein Sohn wechselt mit ihm die letzten Worte. Der Vater stirbt. Die Menschheit nimmt Abschied von der Hoffnung, ... und von sich selbst. Requiescat in pace.
zurück
|
|
|
|
|
|
Musik mit Ende
Hommage à Pierre Boulez
Angeregt durch das epochale Werk „pli selon pli“ (1957-62) von Pierre Boulez, der durch die Vertonung von Stéphane Mallarmés
Sonett „Une dentelle s´abolit“ - welches Geschlechtsverkehr, künstlerisches Schaffen und unzählige Totgeburten der Onanie zum
Thema hat, vor allem aber Bilder des Todes der irdischen Realität und ein Erwachen zu innerem Bewußtsein heraufbeschwört -
jene klinische und tot-reine Stimmung erzeugt, legte ich Michael Endes kalt-schöne phantastische Kurzgeschichte „Der
Bordellpalast...“ aus dem Jahr 1983, für eine ebensolche kühle „Mosaik-Musik“ zugrunde.
Gleich der Boulezschen Vertonung, verwendete ich Instrumente, die ihrerseits sehr kühle, ja, menschenferne Klänge erzeugen.
Vornehmlich bilden Percussionsinstrumente, wie das rot belichtete Vibraphon, den zentralen Klangmittelpunkt des Stückes; dazu
kommen Cembalo, Klavier, Gitarre und zwei gläserne, in C gestimmte Trompeten. Zur Paraphrasierung des Textes konzipierte ich
zwei Singstimmen (Sopran und Bariton), die fetzenhaft den Inhalt der Kurzgeschichte von Michael Ende pointieren. Jedoch liegt
die erzählerische Komponente nicht allein bei den Stimmen.
Zu Beginn der Erzählung beschreibt Ende in seiner von glühender Phantasie und Surrealismen durchtränkten Formulierungskunst,
wie der fast mystische Bordellpalast auf dem Berge in kaltem Glanz erstrahlt. Ein Bettler erscheint auf einem weißen und
langmähnigen Pferd. Den Kopf des Armen schmückt eine Papierkrone. Eine jämmerliche Erscheinung, die, je dichter sie dem mit
morchelförmigen Türmen und bauchigen Mauern versehenen Riesenbau entgegen hinkt, noch jämmerlicher wirkt.
Im gigeresken* Palast angelangt, beginnt nun ein Dialog, den Kronprinz und Hurenkönigin miteinander führen. Die metallisch
maskierte, sonst aber nackte Majestät, thront auf einem podestierten Operationssessel. Dem „Beischläfer Welt“ überdrüssig
geworden und gierig nach einem neuen Liebhaber, bittet, nein, verlangt sie von ihrem zerlumpten Untertan ein weiteres
Geschenk, welches die Treue und Hingabe zu seiner Königin (erneut) symbolisieren soll.
Der Bettelritter, abgestoßen vom gespielten Schluchzen der klinisch reinen Königin, bietet ihr zwei Geschenke an. Sie
entscheidet sich für ein Kettchen, an dem ein goldenes Medaillon hängt, welches sie ihrem Gegenüber vom Halse reißt. Es hatte
die Gestalt einer kleinen Monstranz, in deren Mitte sich eine unregelmäßig geformte Glasperle befand. Ein Tropfen einer
dunklen Flüssigkeit zitterte in ihrem Inneren. Sie nimmt die Fruchtbarkeit von der Erde. Die Hurenkönigin hat es einst von
Satan oder Gott geschenkt bekommen, es aber in einem Vulkankrater versenkt und nun, da sie es einsetzen möchte,
wiederbekommen.
Sie wird sich mit dem Nichts vereinen. „Lösch die Lichter aus!“ befiehlt sie einem Diener. „Alle! Und für immer.“
* HR Giger: Künstler aus der Schweiz, nahe dem
Surrealismus
zurück
|
|
|
|
|
|
...
suchen ...
... suchen ...
(schlaf der vernunft?)
ideen - stop ...
fetzen und splitter.
einsam, allein und grob ...
[anhaltspunkt?!! (rückgriff)]
- anpassung. irrweg ... suchend ...
rad, kreis, nonsense: stop!!
mosaik. spiegelwesen. freier fall.
... einsam ... retrograd ... ebbe.
... suchen ...
(schlaf ...)
zurück
|
|
|
|
|
|
epithaph
für Irena Sendler (* 15.2.1910,
+ 12.5.2008)
nun hast Du Dich aufgemacht
den letzten weg zu gehen.
ruhig und sanft liegst Du
am ende am anfang
der weiten ewigkeit.
der braunen welt
hast Du licht geschenkt:
es leuchte Dir!
die herzen werden Dich tragen
die liebe wird Dich schweben lassen
das leben wird Dir leben
immer ... immer ... immer ...
zurück
|
|
|
|
|
|
... ODEM ...
für Chor a capella
Alles was Odem hat, lobe den Herrn, Halleluja, lobe den Herrn!
Mit diesen Worten endet die große 2. Symphonie von Felix Mendelssohn Bartholdy. Doch bis es zu diesem absoluten Höhepunkt und Endpunkt kommt, wird zuvor jedes Geschöpf mobilisiert. Jeder Charakterzug wird persönlich vor der großen Aufrufung zum Lobgesang angesprochen: der Betrübte, der Ängstliche, der Leidenschaftliche, der Träumer... einfach: alles!
Angeregt von diesen mächtigen Worten, von den Worten des 150. Psalms und deren meisterhafte und gewaltige Vertonung innerhalb Mendelssohns 2. Symphonie, komponierte ich das Stück ... ODEM ... für Chor a capella, in welchem ich versuche, das in Klang und Form zu bringen, was alle lebende Wesen, ja jedes wachsende und am Ende sterbende Ding auf Erden (von der Pflanze über den Fisch bis zum Element) das Leben gibt: den Atem.
Nun ist die Bedeutung des griechischen Wortes Odem (oder pneuma) viel mehr als das bloße Atmen: es bezeichnet den Geist und die Seele eines Lebewesens. Also das, was der Kreatur (dem Geschaffenen) die Eigenart, den Charakter und die Individualität schenkt. Auf dieser Ebene, auf der Basis des weltumfassenden und alles-umschließenden Nenners der Lebendigkeit wird es ganz nebensächlich, wer-oder-was wen-oder-was anbetet, und man könnte den Aufruf des Lobgesang so interpretieren: "Alles was lebt, lobe das Leben!" |
|
|
|
|
|
Epitaph I
Worte des großen spanischen Dichters Federico García Lorca (1898-1936) aus dem Gedicht Selbstmord sind hier zum Epitaph geworden. Zur Grabinschrift jenem kurzen und prägnanten Text, der den Stein über des Toten Ruhestatt ziert. Der Zu-Sterbende (es handelt sich um Suizid!) ist am letzten Punkt eines jeden Lebens angekommen - dem Tod (und er weiß es, weil er es selbst entscheidet). Die Botschaft die mir Lorcas Zeilen sendet ist: Resignation. Blieb ihm doch nicht mehr als nur e i n Wort. E i n Ausweg aus all dem Leid, eine letzte und entgültige Entscheidung: Flucht! Eine Entscheidung, die bei den Hinterbliebenen wiederum Schmerz und Ausweglosigkeit produziert. Mein Stück soll den, wohl möglich letzten Gedankengang eines Suizidalen vor seinem Tun, aber auch die quälenden Fragen derer, die ungewollt jene letzte Entscheidung mittragen müssen widerspiegeln: ein Teufelskreis, der dort endet wo er begonnen hat.
Das Stück ist allen, die ihr Leben selbst beendet haben und ihren Hinterbliebenen gewidmet. (... in Vergangenheit und Zukunft)
|
|
|
|
|
|
christmas sheets
Die christmas sheets wurden von Steven Heelein im Jahr 2007 komponiert. Den fünf Sätzen für Blockflöte (mit Wechselinstrumente) und Cembalo sind kurze Motive, Fragmente und Stimmungen aus verschiedenen Weihnachtsliedern, Chorälen und Hymnen zu Grunde gelegt.
Zu Beginn des ersten Satzes erklingt im Blockflötensolo die berühmte aufsteigende Quinte aus dem gregorianischen Choral Puer natus est und endet, nach einem freudigen Jubilus über die Geburt des Herrn, im Andante der zur Krippe ziehenden Hirten.
Der zweite Satz soll das helle Schimmern des Weihnachssternes über dem Stall zu Betlehem suggerieren. Inhaltlich lehnt sich dieser Satz an den Adventshymnus Conditor alme siderum aus dem 10. Jahrhundert.
Im dritten Satz wird der Lobpreis der Engel, sinnbildlich ausgedrückt in den glizzernden Girlandenskalen von Blockflöte und Cembalo, untermalt von einer rhytmisch freien Bearbeitung der Weihnachtsliedes Vom Himmel hoch aus dem 16. Jahrhundert.
Der vierte Satz soll einer Traumlandschaft gleichen. Obwohl dieser mit der Vortragsbezeichnung "ohne gemeinsamen Puls" versehen ist und die einzelnen Gedankensplitter und Motivfetzen einem unfertigen Mosaik gleich im Raum wie schwerelos dahintreiben, so ist es gerade dieser (leere) Raum, oder die innerlich gehaltene Spannung, die diesen Weihnachtstraum zu einem stimmigen Ganzen vereint.
Mit einer Pastorella (fünfter Satz) enden die christmas sheets. Dieser Szene liegen zwei Gedanken zu Grunde: zum einen wird das sanfte Wiegen der Krippe Jesu durch die klassische Notierung im 6/8-Takt und der damit einhergehenden innigen Dankbarkeit über die Erscheinung des Erlösers dargestellt, zum andern aber, mischt sich unter die andächtige Seelenfreude die herbe Gewissheit über die Vorbestimmung der göttlichen Niederkunft: der Tod am Kreuz zur Erlösung aller Menschen. |
|
|
|
|
|
Als ab und hin
Wenn Worte wie Musik sind ...
Über der Orgelfantasie von Steven Heelein, die mit dem Untertitel Gedanken zu Ludwig Senfl versehen ist, steht ein knappes und prägnantes Motto, welches sich über das gesamte Stück erstreckt: Als ab und hin.
Unter dem gleichen Titel komponierte Ludwig Senfl im 16. Jahrhundert einen Satz für Blockflötenquartett. Auffällig in diesem Stück ist, daß die Harmonien und damit die Stimmung kaum greifbar ist, man meint, der Komponist versucht etwas zu finden - vielleicht eine Antwort? - er kreist um seine Gedanken. Erst mit der Schlußkadenz, die, nach dem vorangegangenen Harmonienetz, wie aus dem Nichts hervortritt, setzt der Komponist dem Gedankengang ein Ende - die Überlegungen gehen im Kopf des Zuhörers weiter.
Unter diesem Aspekt komponierte Steven Heelein seine Orgelfantasie. Der Text "Als ab und hin", der durch textbezogene Rythmik symbolisiert wird, erscheint immerwieder im Stück als gravitätische Markierung oder Kehrvers. Die Fragen treten auf: ist etwas abgefallen, oder etwas hinfällig geworden? In verschiedener Art und Weise wird das Thema und die Musik durchdacht: durch verschiedenste Registraturen wird der (Noten-) Text neu beleuchtet, vom energisch aufkeimenden pesante bis hin zum resignativ-verklärtem lyricoso sollen der Thematik neue Aspekte zugeführt werden. Am Ende bleibt alles Frage: die Überlegungen kreisen im Kopf des Zuhörers weiter. |
|
|
|
|
|
... non statim perii ...
Die Textgrundlage des Stückes ... non statim perii ... (... und verschied nicht gleich ...) bilden die ersten 13 Verse aus dem dritten Kapitel des Buches Ijob der Bibel. Drastisch klagt Ijob seinen drei angereisten Freunden sein Leid. Er hat all sein Vermögen und seine Gesundheit verloren. Er verflucht sich selbst, wünscht sich, nie geboren worden zu sein.
Neben diesem Text und einigen identischen lateinischen Übersetzungen aus der Vulgata-Bibel stehen die ersten beiden Verse des große Klagepsalms 130, De profundis clamavi ad te in der Vertonung des Gregorianischen Chorals gegenüber.
Die Idee des Stückes ist es, die düstere und schier hoffnungslose Lebenslage Ijobs in Musik zu fassen. Seine Wut und Resignation, die fahle Erinnerung an vergangene Freuden suggeriert im traumnebelhaften Aufscheinen eines swings durch die Jazzcombo und der nunmehr großen Sehnsucht nach dem Tod (entschlafen wäre ich und hätte Ruhe).
Die große Wende zur Heilserfahrung in Christo geht n a c h der Aufführung von statten. Die, das gesamte Stück durchlaufende Aggression und musikalisch-eruptive Gewalt, wird nach der Abladung aller Sorgen in Gottes Hände, in Zuversicht verwandelt, weil e i n e r für alle starb. In diesem Kontext wird der Titel und verschied nicht gleich ebenfalls umgedeutet. Und zwar in ein lebensbejahendes Aufatmen n a c h der, vielleicht notwendigen Eruption. Somit wird beim Erklingen dieser Komposition nicht mehr ein Einzelner sein Leid Klagen, sondern alle Beteiligten werden sich wie e i n e Person in den mächtigen Ruf nach der großen Barmherzigkeit Gottes einreihen, und, quasi stellvertretend, alle Sorgen und Ängste auf den werfen, der all unsere Krankheit aus übergroßer Liebe zu den Menschen auf sich nimmt, in der Gewissheit, dass sein Joch nicht drückt und seine Last leicht ist.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|